

UND WER KÜMMERT SICH UM SIE?
In „Salto“ vom 11. Juni: vollständiger Text
Burnout, Verletzlichkeit und Einsamkeit: Ilaria Cagol (FILCAMS-LHFD) und Alfred Ebner (SPI-LGR) berichten über das Unwohlsein von Pflegekräften und älteren Menschen wenige Tage vor der Tagung La cura oltre la cura, die am 16. Juni im Pastoralzentrum Bozen stattfindet.
Eine weit entfernte Familie, die nur über einen Bildschirm erreichbar ist, und eine Person, die Tag und Nacht gepflegt werden muss. Auf der anderen Seite ein älterer Mensch, der beim Waschen, Anziehen oder Essen auf Hilfe angewiesen ist und sich nur schwer in seinem eigenen Leben wiederfindet. Zwei Formen der Gebrechlichkeit, die sich täglich in den Häusern Südtirols begegnen, oft fernab der Öffentlichkeit.
Darüber wird am 16. Juni im Pastoralzentrum am Domplatz gesprochen.
SALTO: Die Pflegekraft wohnt oft im Haus der gepflegten Person. Wie lässt sich der Stress derjenigen messen, die nie wirklich abschalten können?
Ilaria Cagol: Das Zusammenleben ist die anspruchsvollste Form der Betreuung. Die Pflegekräfte arbeiten bereits 54 Stunden pro Woche, doch in der Realität werden sie oft abends aufgehalten, nachts angerufen und in einem Zustand ständiger Bereitschaft gehalten. Es ist eine Arbeit, die wenig Raum für Erholung, Sozialkontakte und emotionale Distanz lässt. Hinzu kommt die Belastung durch die Betreuung von kranken oder an Alzheimer erkrankten Menschen, wobei sie oft deren Leiden und Frustration auf sich nehmen.
Das Burnout von Pflegekräften wird noch immer kaum anerkannt. Warum?
Weil es eine unsichtbare Arbeit ist und auch das Leiden und Unwohlsein unsichtbar bleiben. Viele Pflegekräfte kennen ihre Rechte nicht oder melden Berufskrankheiten nicht. Auf körperlicher Ebene treten häufig Muskel-Skelett-Probleme auf, vor allem im Rücken- und Schulterbereich, bedingt durch das Bewegen der betreuten Personen, oft ohne geeignete Hilfsmittel. Doch der am meisten vernachlässigte Aspekt ist der psychologische: Stress, Erschöpfung und Burnout. Genau aus diesem Grund wollten wir die Tagung organisieren.
Viele Pflegekräfte haben ihre Kinder in ihrem Heimatland zurückgelassen. Wie erleben sie diese Trennung?
Das ist wahrscheinlich der schmerzhafteste Aspekt. Auf der einen Seite ist da die weit entfernte Familie, die auch wirtschaftlich weiterhin von ihnen abhängig ist; auf der anderen Seite entsteht oft eine starke Bindung zur betreuten Person. In manchen Fällen wird deren Verlust wie der eines Familienmitglieds empfunden. Es mangelt jedoch nicht an schwierigen Situationen, wenn der ältere Mensch die Anwesenheit der Pflegekraft ablehnt oder wenn die Beziehung von den Angehörigen mit Argwohn betrachtet wird.
Schützt der Landes-Tarifvertrag diejenigen, die rund um die Uhr arbeiten, angemessen?
Nein. Viele Schutzmaßnahmen, die in anderen Branchen vorhanden sind, fehlen noch. Elternurlaub ist beispielsweise nicht vorgesehen. Auch das Thema Nachtarbeit ist kaum geregelt: Wer Menschen mit nächtlichen Problemen betreut, kann mehrmals geweckt werden, ohne dass dies als Arbeitszeit anerkannt wird. Zudem spiegelt die Vergütung nicht immer die tatsächliche Betreuungsbelastung wider.
SALTO: Was sind die häufigsten Erkrankungen bei den betreuten Senioren?
Alfred Ebner: In Südtirol haben mindestens 16.000 Menschen mindestens einen Monat lang Pflegegeld bezogen. Eine Zahl, die mit der Alterung der Bevölkerung weiter steigen wird. Zu den häufigsten Problemen zählen Sturzgefahr, Knochenbrüche und Mobilitätsverlust, doch die komplexesten Situationen betreffen neurodegenerative Erkrankungen. Laut der Alzheimer-Vereinigung Südtirol Alto Adige gibt es etwa 4.000 schwer demenzkranke Menschen, die kontinuierliche Betreuung benötigen. In vielen Fällen wird langfristig das Pflegeheim zur einzigen tragbaren Lösung.
Wie schützt man die Würde derjenigen, die nicht mehr selbstständig sind?
Es braucht Ausbildung und Einfühlungsvermögen. Für viele ältere Menschen bedeutet die Aufnahme einer Pflegekraft im eigenen Zuhause, einen Teil ihrer Selbstständigkeit und Privatsphäre aufzugeben. Dies kann zu Konflikten führen. Im Falle von Alzheimer hängen aggressive oder beleidigende Verhaltensweisen zudem nicht vom Charakter der Person ab, sondern von der Krankheit. Um mit solchen Situationen umzugehen, ist eine spezielle Ausbildung erforderlich.
Wie schwer wiegt der Verlust der Selbstständigkeit psychologisch?
Sehr schwer. Wer immer selbstständig gelebt hat, kann die Abhängigkeit von anderen als tiefe Verletzung empfinden. Das Bewusstsein, dass der eigene Zustand oft unumkehrbar ist, macht die Anpassung besonders schwierig.
Hängt die Lebensqualität im Alter auch von den finanziellen Möglichkeiten ab?
Die Pflegebeihilfe stellt eine wichtige Unterstützung dar, deckt jedoch nicht alle Bedürfnisse ab. Wir fordern seit langem, dass ein Teil der Hilfen in Form von Dienstleistungen gewährt wird. Zudem wird es immer wichtiger, im Laufe der Zeit eine Zusatzrente aufzubauen. Eine weitere wichtige Zahl betrifft die regulären Pflegekräfte: Laut INPS waren es 2024 in Südtirol etwa 4.500. Angesichts des Ausmaßes dieses Phänomens lässt dies auf eine nicht zu vernachlässigende Präsenz von Schwarzarbeit und damit auf mögliche Ausbeutungssituationen schließen.
Der psychische und physische Stress der Pflegekräfte ist kein abstraktes Thema. Im Jahr 2019 berichtete eine Untersuchung des Corriere della Sera von einer psychiatrischen Klinik in Rumänien, die jedes Jahr Hunderte von Frauen aufnahm, die nach Jahren der Pflegearbeit aus Italien zurückgekehrt waren. Frauen, die nach ihrer Rückkehr selbst Hilfe benötigten.
Deshalb richte ich an die Familien immer denselben Appell: Glauben Sie nicht, dass die Anwesenheit einer Pflegekraft jedes Problem löst. Ein ständiger Kontakt mit der Pflegekraft und dem eigenen Angehörigen ist von grundlegender Bedeutung. Die Pflege kann nicht vollständig delegiert werden: Sowohl der ältere Mensch als auch die Pflegekraft bleiben gebrechliche Menschen, die Aufmerksamkeit, Unterstützung und Anerkennung brauchen.

