ITALIENS „NEUE“ RENTNER: EIN PORTRAIT
Die italienische Rentnergewerkschaft SPI Cgil hat das Institut Tecnè 2026 beauftragt, eine Studie zur Lage der Rentnerinnen und Rentner zu machen. Ein Interview mit dem Generalsekretär der LGR/SPI.
Was wollten die Forscher eigentlich ermitteln?
Alfred Ebner: Man wollte herausfinden, wie die heutigen italienischen Rentnerinnen und Rentner denken, fühlen und leben. Dafür haben sie 200 Rentnerinnen und Rentner aus ganz Italien interviewt. Man wollte durchleuchten, wie unsere italienischen Seniorinnen und Senioren heute zur Politik, Repräsentation und Gewerkschaft stehen.
Was kam dabei heraus?
Viele haben in den 1960er- und 70er-Jahren an großen Streiks und Arbeiterbewegungen teilgenommen. Sie haben sich Rechte erkämpft, die bis heute gelten. Es ist die Geschichte einer Generation, die heute zwischen zwei gegensätzlichen Gefühlen gefangen ist: dem Stolz, Rechte, Sozialstaat und Demokratie mit aufgebaut zu haben, und dem wachsenden Eindruck, nicht mehr zu zählen. Wenn man in Rente geht, fühlt man sich sehr schnell wertlos. Für viele ist das nicht so einfach zu akzeptieren. Nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben fühlen sie sich oft von der Gesellschaft unter Druck gesetzt, nur noch Leistungsempfänger zu sein und nicht mehr als aktive Bürgerinnen und Bürger zu gelten. Trotzdem möchten sie am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilhaben. Viele der Befragten haben sich neu orientiert und engagieren sich jetzt in der Familie, im Ehrenamt oder in anderen Vereinen.
Und wie stehen Sie zur Politik?
Sie glauben nach wie vor an die Demokratie. Für sie war die Teilnahme keine Option, sondern beinahe eine moralische Pflicht. Deshalb merken sie deutlich, dass die gewohnte Politik nicht mehr funktioniert. Viele sagen, dass ihnen das Gefühl fehlt, wirklich etwas zu bewirken. Man hat den Eindruck, dass Entscheidungen anderswo getroffen werden und zwar ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bürger. Auch fehlt die Kontrolle. Heute wirken Parteien und Parlament wie abgeschottete Systeme, die die Probleme der Menschen nicht mehr sehen. Politik wirkt immer mehr wie ein demokratisches Ritual. Man geht zwar zur Wahl, hat aber nicht das Gefühl, dass man dabei mitbestimmt oder etwas bewirkt. Es fehlt die Verwurzelung vor Ort und der Bezug zwischen Wähler und Gewählten.
Und wie sehen die älteren Menschen die Gewerkschaft?
In Zeiten, in denen den Menschen das Vertrauen verloren gegangen ist, bleibt die Gewerkschaft für viele eine der letzten Institutionen, auf die man sich noch verlassen kann. Es ist ein Ort, an dem man gehört wird und sich nicht allein fühlt. Hier wird Vertrauen und Nähe geschaffen und drei Funktionen miteinander verbunden: der Schutz der Rechte, die Vertretung der Bedürfnisse und die Fähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu fördern. Und das in einer Welt, in der immer mehr ältere Menschen vereinsamen. Die Bürokratie und der sprachliche Umgang sind allerdings ein Problem. Die Instrumente wirken oft veraltet und es ist echt schwierig, jüngere Leute als Aktivisten zu gewinnen. Der Grundton bleibt aber positiv.
Und wie stehen die Generationen zueinander?
Die Rentnerinnen und Rentner, die dazu befragt wurden, haben Angst, dass die jüngeren Generationen, die in einer unsicheren Zeit aufwachsen, den Wert von Rechten nicht kennen, für die sie selbst jahrelang gekämpft haben. Sie haben Angst, dass junge Menschen in einer unsicheren und zu sehr auf sich selbst bezogenen Lebensweise gefangen sind. Das meistgenannte Wort ist Vertrauen. Sie hoffen, dass die früheren Erfolge nicht verloren gehen. Viele machen sich allerdings auch Sorgen wegen der großen wirtschaftlichen Unterschiede in Italien. Deshalb ist es nicht nur eine medizinische oder finanzielle Frage, sondern auch eine Frage der Gleichheit zwischen den Bürgern, Sozialleistungen und öffentliche Gesundheitsversorgung zu schützen. Die alten Zeiten sind nicht unbedingt etwas, von dem man träumt, aber eine moderne, menschliche und solidarische Gesellschaft bleibt weiterhin das Ziel.
Und wie steht es um das Verhältnis zu den neuen Technologien?
Die lösen gemischte Gefühle aus. Die Vorteile sind klar, aber das hohe Tempo der heutigen Welt macht auch Angst. Viele finden soziale Netzwerke positiv, um ihre Meinung zu sagen und um teilzunehmen. Trotzdem wünscht man sich den persönlichen Kontakt und wünscht sich mehr gegenseitige Hilfe, Unterstützung und ehrenamtliches Engagement. Die meisten sehen das Internet zwar als Ergänzung, sehen darin aber auch ein Risiko für Isolation.
Was können wir also aus dieser Studie herauslesen?
Obwohl es sich nicht um eine wissenschaftlich geprägte Statistik handelt, bekommen wir trotzdem einen guten Einblick in das Leben von Rentnerinnen und Rentnern. Sie bestätigt, dass die Welt der älteren Menschen vielfältiger geworden ist. Die Erwartungen an die Gesellschaft haben sich gewandelt. Rentner sind keine Randgruppe. Sie wollen nicht tatenlos zusehen, wie sich das öffentliche Leben abspielt. Sie wollen mitmischen und eine aktive Rolle spielen. Aber natürlich nur, wenn die Gesellschaft und die Institutionen ihnen auch wirklich zuhören. Sie fühlen sich als die Generation, die etwas weitergeben will. Und zwar das Wissen, dass erkämpfte Rechte nicht für immer gesichert sind. Die heutigen Rentnerinnen und Rentner sind nicht mehr die "alten Eisen" von früher – sie sind aktive Mitglieder der Gesellschaft, die sich einbringen wollen. Das heißt auch, dass die Gewerkschaft neue Aufgaben, Themen und Konzepte braucht um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.
