40 JAHRE ARBEIT: DANN ARMUT

Auf Salto – Volltext

Die Rente betrifft uns alle. Wer ein Leben lang arbeitet, sollte im Alter nicht in wirtschaftliche Not geraten. Das italienische Rentensystem ist finanziell tragfähig, aber in sozialer Hinsicht immer weniger gerecht.

Die Dini-Reform von 1995 hat das Rentensystem umgestaltet und den Übergang vom einkommensbezogenen zum beitragsorientierten System vollzogen. Früher wurde die Rente auf der Grundlage der Gehälter der letzten Arbeitsjahre berechnet; heute zählt ausschließlich, was während der gesamten Berufslaufbahn eingezahlt wurde. Ein scheinbar gerechtes Prinzip, das jedoch neue Ungleichheiten schafft.

Die Reform war für den Arbeitsmarkt der 1990er Jahre konzipiert worden. Heute hingegen sind prekäre Arbeitsverträge, niedrige Löhne und unfreiwillige Teilzeitarbeit weit verbreitet. Wer nur geringe Beiträge einzahlt, wird zwangsläufig eine bescheidene Rente erhalten. Zudem wurde die ursprünglich vorgesehene Flexibilität nach und nach eingeschränkt. Italien hat heute eines der starrsten Rentensysteme Europas: Das Rentenalter steigt weiter an, und wer vorzeitig in den Ruhestand gehen will, muss nachweisen, dass seine Rente bestimmte Schwellenwerte übersteigt – die für Menschen mit geringem Einkommen oft unerreichbar sind.

Die steigende Lebenserwartung betrifft jedoch nicht alle gleichermaßen. Wer schwere körperliche Arbeit verrichtet oder unter benachteiligten Bedingungen lebt, hat tendenziell eine kürzere Lebenserwartung. Eine pauschale Anhebung des Rentenalters benachteiligt daher vor allem die schwächsten Bevölkerungsgruppen. Zudem sind die Berechnungskoeffizienten für alle gleich: Wer eine geringere Lebenserwartung hat, erhält insgesamt weniger, obwohl er ähnliche Beiträge gezahlt hat.

Zu den Reformvorschlägen gehört die Möglichkeit, mit 63 Jahren mit einer gekürzten Rente in den Ruhestand zu gehen. Eine größere Flexibilität wäre besonders wichtig für Menschen, die körperlich anstrengende Tätigkeiten ausüben. Ein weiterer Vorschlag ist eine garantierte Mindestrente, die an die Arbeitsjahre und die gezahlten Beiträge gekoppelt ist und ein echtes soziales Sicherheitsnetz bieten kann.

Zudem muss die Finanzierung des Systems überdacht werden. Ein wachsender Anteil des Wohlstands wird durch digitale Aktivitäten und automatisierte Prozesse erwirtschaftet, die wenig Arbeit und damit wenige Beiträge generieren. In Zukunft wird es notwendig sein, andere Einkommensformen in die Finanzierung der Altersvorsorge einzubeziehen.

Die Zusatzrente ist keine Lösung für alle. Sie ist vor allem für Personen mit hohem Einkommen und festen Arbeitsverhältnissen zugänglich, während sich viele Arbeitnehmer in prekären Beschäftigungsverhältnissen diese nicht leisten können.

Die gute Nachricht ist, dass das Rentensystem heute finanziell stabiler ist. Die schlechte Nachricht ist, dass die künftigen Renten trotz der alternden Bevölkerung im Durchschnitt niedriger ausfallen werden. Die Nachhaltigkeit wurde erreicht, indem ein Großteil der Risiken auf die Arbeitnehmer abgewälzt wurde.

Das eigentliche Problem der nächsten Jahre wird nicht die Überschuldung der öffentlichen Finanzen sein, sondern die fortschreitende Verarmung einer Generation, die jahrzehntelang gearbeitet hat, oft unter prekären Bedingungen. Es braucht mehr Flexibilität, eine garantierte Mindestrente und neue Finanzierungsformen. Denn ein nachhaltiges System ist nicht unbedingt ein gerechtes System.

Alfred Ebner